Impuls zum 16. Sonntag im Jahreskreis


Nicholas Allan, Jesus nimmt frei

Liebe Gemeinde,

Auch wenn dieses nicht meine erste Statio, Ansprache oder wie immer ich das nennen darf ist, so beginne ich doch schon immer ein paar Tage vor dem Wochenende mich mit dem Inhalt der biblischen Texte des Sonntags auseinanderzusetzen.
So auch für dieses Wochenende. Dabei konnte ich nicht ahnen, dass das Thema des heutigen Evangeliums so konträr ist zu dem, was wir in diesen Tagen in den Hochwassergebieten Deutschlands und auch anderer Länder erleben. Wenn Jesus im Evangelium gerade gesagt hat: Kommt mit mir an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus, dann scheint das angesichts des Chaos und der Angst um Menschenleben, der Zerstörung und der Ohnmacht ein Witz zu sein. Ein absolutes Nicht-Ernstnehmen der realen Situation.
Wenn ich nun trotzdem oder vielleicht auch gerade zum Trotz darüber spreche, dann immer in der Hoffnung, dass auch die Betroffenen wieder zur Ruhe und zu einem neuen Leben nach der Katastrophe finden können.

In diesem Sinne nun meine eigentlichen Worte:

Es ist nun schon zwanzig Jahre her, da bekam mein damaliger Chef, Pastor Voßhage in Schöninghsdorf/ Hebelermeer ein kleines Büchlein geschenkt, das uns beide gleichermaßen amüsierte.  Es trägt den Titel „Jesus nimmt frei“, wurde vom Autor Nicholas Allan geschrieben.
Irgendwann habe ich es mir auch selbst zugelegt, denn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien oder aber auch gerade an Tagen, an denen das Evangelium des heutigen Tages gelesen wird, muss ich es einfach immer wieder aus dem Regal holen.
In witziger Weise wird erzählt, dass Jesus tagtäglich Wunder tut und Menschen hilft – bis zu dem Tag, an dem er, menschlich gesehen, überarbeitet und ermüdet ist. Der Doktor, den er aufsucht, verschreibt ihm einen „freien“ Tag, an dem Jesus das machen soll, was ihm Spaß macht. Jesus hört auf diesen Rat und tatsächlich genießt er seinen Tag, machte er all die Dinge, die ihm Spaß machten: er ging spazieren, schlug Purzelbäume in der Wüste, picknickte unter eine Palme und und und…
Das ist so bezeichnend für unsere aktuelle Situation: nach einem Schul- oder auch Arbeitsjahr, das für viele so anstrengend und auch herausfordernd und durch die Corona Situation so besonders war, da sehnt man sich nach einer Aus-Zeit. In gewissen zeitlichen Abständen brauchen wir eine Unterbrechung in unserem Alltag und in unserer Arbeit. Brauchen nach der Arbeit die Freizeit oder gar Urlaub, nach Stress benötigen wir auch Ruhe. Unser Leben ist geprägt von Gegensätzen. Und so gilt wie den Jüngern damals auch uns die Einladung: Kommt nach all der Unruhe und Hektik mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind. Ruht ein wenig aus!

Sonst sind wir auf Dauer wie Schafe, die orientierungslos im Gelände herumirren. Die ihr Ziel und auch ihre Basis verlieren. Die gar nicht mehr zur Besinnung kommen. Gut tut es, wenn wir uns an Orte der Stille zurückziehen können. Aber ich darf dabei „Still-Sein“ nicht mit Nichtstun verwechseln und „Zeit-Haben“ nicht mit Zeit-Totschlagen!

Und so sieht diese Atempause, die Aus-Zeit für jeden und jede von uns unterschiedlich aus:

Für den/die eine bedeutet es, ein gutes Buch zu lesen.

Für den/die andere bedeutet es einen schönen Spaziergang oder eine Wanderung in der schönen Natur. Für viele von uns sind in dieser Zeit des Lockdowns Spaziergänge oder Radtouren zu einem guten Begleiter geworden.

Für mich selbst bedeuten da die Wanderexerzitien im Kloster Gerleve  ganz viel. Unterwegs sein über 16-18 Kilometer mit einer Gruppe, vereint im Gespräch oder auch im Schweigen. Die Natur wahrnehmen und dankbar werden über die schöne Schöpfung- bei Sonne und bei Regen ;=). Da kann ich ruhig werden und irgendwann finden dann sowohl meine Füße wie auch mein Kopf ein Gleichmaß und obwohl ich unterwegs bin – das ist für mich zur Ruhe kommen.

Für den/ die nächsten ist es tatsächlich das Genießen der Ruhe auf einer Liege im Garten oder an einem anderen schönen Ort. Einfach still werden – und das ist schon eine ganz erhebliche Herausforderung.

In unserer Ausbildung zur Trauerbegleiterin waren wir an allen Tagen der Kurswochen folgende Übung eingeladen: in einer bequemen Sitzhaltung mit dem Blick zu Wand oder zum Fenster – 20 Min Stille halten – ohne Musik – nur mit den Geräuschen der Umgebung. Stille aushalten – wer kann das noch – ganz bewusst!? Das macht etwas mit mir, sagt man so schön – verändert meine Wahrnehmung im Allgemeinen. Vielleicht haben Sie ja mal Spaß daran, das auszuprobieren. Wenn es nicht gleich 20 min sein können, dann reichen 10 min sicherlich auch schon aus!

Hierzu eine kleine Geschichte: Ein Mönchsvater war einmal damit beschäftigt, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, als Besucher zu ihm kamen und ihn fragten, welchen Sinn er in seinem kontemplativen Leben sehe. Er sagte zu ihnen: „Schaut in den Brunnenschacht, was seht ihr?“ Sie antworteten: „Wir sehen nichts.“ Der Mönch wartete eine Weile und tat gar nichts. Dann forderte er die Leute erneut auf: „Schaut in den Brunnenschacht!“ Sie blickten hinunter, erkannten ihr Spiegelbild im Wasser und riefen: „Ja, jetzt sehen wir uns selbst!“ Der Mönch erwiderte: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war die Wasseroberfläche unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. So ist das mit der Stille: Man sieht sich selber.“

Aber so kann ich mich auf das Wesentliche besinnen. Kann mich selbst, aber kann auch die Gegenwart Gottes intensiver spüren. Erkenne ihn an meiner Seite.

Kann ihn erkennen, in seinen Worten und Taten. Denn Jesus lädt seine Jünger ein, mit ihm auszuruhen. Er ist der Gute Hirte, der mit uns auf dem Weg ist. So wie es im Psalm 23 heißt: Du deckst mir den Tisch (selbst vor den Augen meiner Feinde). Du salbst mein Haupt mit Öl. Du füllst mir reichlich den Becher.

Welch eine Vorstellung und ein Glaube an einen Gott, der mit vollen Händen gibt, der es so gut mit uns meint und immer an meine Seite ist.

Aber dieses Genießen bringt dann auch Probleme mit sich: Die Frage nämlich: wieweit darf ich denn eigentlich genießen und zur Ruhe kommen? und so wird es dann auch im dem am Anfang erwähnten Buch weiter beschrieben: Jesus genießt den Tag, aber an dessen Ende hat er ein schlechtes Gewissen und sucht das Gespräch mit seinem Vater, dem er vom „freien“ Tag erzählt. Dieser ermutigt seinen Sohn, nochmals genau dorthin zu schauen, wo er gewesen ist, und zu entdecken, dass sich etwas verändert hat.

Und da erlebt er so manche positive Überraschung: Da wo er gewesen ist, da sprudelt auf einmal Wasser, da tragen die Bäume Früchte, da geht es den Menschen gut. Und die Menschen waren froh und glücklich.

Da denke ich mir: kennen wir das nicht auch nach einem Tag Auszeit oder nach einem Urlaub: da sprudeln dann vielleicht keine Quellen in der Wüste, aber ich begegne Menschen ganz anders, da fühle ich mich ausgeruht und optimistisch. Menschen begegnen mir freundlicher und auch mein Haushalt und sowohl die Arbeit sind danach noch nicht zusammengebrochen. Wie wohltuend ist dann das Wissen um diese Balance zwischen Geben und Empfangen, zwischen Einsatz und Ruhe, zwischen Hinausgehen und Heimkehren, zwischen Aus-sich-Herausgehen und In-sich-Ruhen.

Vielleicht auch, weil sich mein Blick auf die Dinge geändert hat. Denn wie sagt Gott in dem kleinen Büchlein: Nur wenn du selbst froh bist, kannst du auch andere froh machen.

Enden möchte ich mit einem Gebet:

Gott, lass mich erkennen: Ich habe Zeit.
Alle Zeit, die du mir schenkst, gehört mir.
Es ist mein Leben.
Ich verschwende es nicht, wenn ich mir die Zeit nehme innezuhalten;
im Gegenteil – ich erfahre es intensiver in der Stille.
Lass mich Frieden finden und hilf mir, Frieden auszustrahlen.
Ruhig und gelassen und heiter will ich sein,
damit andere gern in meiner Nähe sind und Heilung finden,
wenn sie der Heilung bedürfen.
Indem ich meine Zeit mit selbst und ihnen teile, verschwende ich sie nicht –
ich gewinne sie vielmehr zurück, die Zeit, die du mir geschenkt hast.
Herr, ich bitte dich:
Hilf mir, in der Zeit, die du mir zugedacht hast, das zu tun,
wozu du mich bestimmt hast  - wenn ich auch nicht alles verstehe.

Fangen wir am besten noch heute damit an.

Einen erholsamen Sonntag wünsche ich Ihnen und Euch

Petra Kleene