Impuls zum Freitag der 10. Woche im Jahreskreis - 11.06.2021


Bild von (El Caminante) auf

Wenn wir uns heute noch schwer tun mit diesem Fest, so ist aus der geschichtlichen Entwicklung zu schließen, dass man bis zur obersten Kirchenleitung hin Schwierigkeiten hatte. Der Grund liegt wohl darin, dass die Forderung für dieses Fest aus einer Privatoffenbarung stammte. Privatoffenbarungen sind schwer zu beurteilen nach Echtheit, Inhalt und Form. Derjenige, dem Gott sich offenbart hat, vermag nur staunend und in Ausdrucksformen, die nur ihm geläufig sind, wiederzugeben, was er erlebt hat. So schleichen sich denn in der Wiedergabe und vor allem in der Weitergabe des Erlebten leicht Übertreibungen und Untertreibungen ein, die für den Außenstehende dann weder verständlich noch nachvollziehbar sind. Was kann man in einem solchen Falle tun? Man muss nach dem Kern der Botschaft fragen.

Wir alle kennen die Bezeichnung für einen guten Menschen: „Er hat ein Herz“. Gemeint ist hier weniger, dass der Mensch ein zentrales Körperorgan besitzt, sondern dass er bis in die Mitte seiner Existenz hinein ein guter, ein liebender, ein sich verschenkender Mensch ist. Das Herz wird hier im übertragenen Sinne als Zentrum seines geistigen und geistlichen Lebens bezeichnet und als Sitz seiner gesamten seelischen Kräfte angesehen. In dem Sinne kennt auch die Heilige Schrift die Symbolbezeichnung Herz, wenn sie z.B. von der Beschneidung des Herzens (Röm 2,29) oder Hartherzigkeit (Mt 19, 8) die Rede ist. Das Liebesgebot fordert die Liebe „aus ganzem Herzen“ (Mt 22,37). Jesus selbst bezeichnet sich als „sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29). So ist denn nicht verwunderlich, dass die Hl. Margareta Maria Alacoque eine Botschaft des Herzens Jesu erfährt. Zwei Aussagen sind hier wichtig. Die heilige Margareta berichtet: „Er (Jesus) zeigte mir sein göttliches Herz. Da war es, wo Er die unaussprechlichen Wunder seiner Liebe offenbarte, und bis zu welchem Übermaß sie Ihn getrieben, die Menschen zu lieben …“ – Es geht also um die hingebende Liebe des Herrn. – Und das zweite Wort ist das von der Sühne für die Sünden der Menschen. Das sind aber genau zwei Aussagen, wie sie im 1. Johannesbrief stehen: „Dadurch hat sich die Liebe Gottes an uns erwiesen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4,9).

Die größte und wesentlichste Hingabe aber geschieht am Kreuz. Hier hat sich die Liebe Gottes in vollkommenster Weise offenbart. Hier wurde auch sein Herz durchbohrt. Das durchbohrte Herz Jesu zeigt, dass Gottes Liebe immer offen ist für alle und für jeden, der nur einen Funken guten Willens hat. Am Kreuz wurde die Sünde besiegt, am Kreuz vollbrachte Jesus da große Sühneopfer für die Schuld der Menschen. Vom Kreuz her fließen „Ströme lebendigen Wassers“ ( Joh 7,37-38).

So ist das Geheimnis des Herzens Jesu nichts anderes als seine Hingabe am Kreuz für das Heil der Welt. Wenn das so ist, dann gehört die Herz-Jesu-Verehrung zum Wesensbestand des Christentums. Sie ist immer dann vorhanden, wenn vom Kreuzestod des Herrn die Rede ist. Die tiefste Aussage über Gott ist das durchbohrte Herz Jesu, „in dem Seine Liebe leibhaftig durchbohrt wurde“ (Rahner). Das ist das Festgeheimnis.

Es bleibt noch die Frage nach den Herz-Jesu-Freitagen. Auch dazu muss man sagen: Der Freitag wurde in der Kirche immer schon als der besondere Gedenktag an den Opfertod des Herrn begangen. Im Laufe der Zeit wurde er in der Praxis des christlichen Volkes mehr und mehr vergessen. Der Auftrag an Margareta Maria Alacoque, das Herz-Jesu-Fest einzuführen und in dem Zusammenhang auf die Herz-Jesu-Freitage zu dringen, ist also ebenso nichts anderes als ein Impuls, sich wieder stärker auf diesen „Tag des Heiles“ zu besinnen.

„Herz ist wieder gefragt“, so heißt ein Werbeslogan. In der Tat beginnt man in unserer Zeit wieder, die Seelentiefe als Existenzmitte des Menschen zu entdecken. – Es ist der Seelengrund, aus dem heraus der Mensch lebt, in dem seine wichtigen Lebensentscheidungen fallen, und wo er selbst wesentlich verankert ist. Es ist wohl die Erfahrung, die viele Menschen in unserem hochtechnisierten Zeitalter machen, dass computergesteuerte Ergebnisse menschliche Probleme nicht lösen können. – Aber die Begegnung von Mensch zu Mensch kann das Leben reicher, wärmer, lebenswerter – oder in Extremsituationen – erträglicher machen. Die Nähe eines Menschen kann froh, gesund, glücklich machen.

Was von der Begegnung mit Menschen gilt, die sich von Herzen mögen, das gilt erst recht in der Begegnung mit Gott, der nicht nur sein Herz zum Pfand gegeben hat, sondern der sich dahingab. Darauf gilt es sich einzulassen. Das „Prinzip Liebe“ erweist sich als der Weg. Man kann sich nicht zu Gott bekennen, ohne sich auf Ihn einzulassen, ohne Ihn zu mögen, ohne Ihn zu lieben. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der Dichter Saint-Exupéry. Der Glaube muss ins Herz genommen werden. Freilich gilt es dafür auch Voraussetzungen zu schaffen: Wir brauchen Ruhe, Muße, Stille, damit wir wieder hören, sehen, wahrnehmen können, „was uns der Glaube lehrt“. Wer sich so innerlich, von Herzen bereit, auf den Weg macht, der wird erfahren, dass „Gott lebt“ und ein Herz für den Menschen hat!

Quelle: www.steyler.eu/svd/seelsorge/anregung/artikel/2012/Heilige/herz-jesu-fest.

Günter Wessendorf