Impuls zum Freitag der 22. Woche im Jahreskreis


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Gottes Gegenwart

Ich sitze am Bettrand meines Patienten, neben und hinter mir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Transplantationszentrums.
Und nun weiß auch unser Patient, dass die Niere die langen Behandlungsnotwendigkeiten nicht überstehen wird, dass die nächste schwere Last vor diesem jungen Körper liegt:
eine erneute Dialysebehandlung.

Stille. Ich spüre die Tränen in meine Augen treten: ich fühle, wie ich enttäuscht bin in der Hoffnung auf einen Trost für diesen Patienten und seine junge Frau und ich merke, wie ich an dir zweifle, Gott. Ich zweifle an mir, an den Möglichkeiten der Medizin, am Menschen, so wie er in seiner Unvollkommenheit geschaffen ist. Doch auch der Zweifel gehört zum Glauben. Die Frage ist nur: Ist er stärker als der Glaube?

In diesem Moment empfinde ich Freiheit. Die Freiheit mich ganz zu entscheiden für meinen Zweifel, mich zu verschließen, weitere Erfahrungen zu verweigern - oder die Augen und das Herz zu öffnen, zu öffnen für diesen Moment an diesem Bett, an diesem armen Herzen zu spüren: Wir sind nicht allein.

Ich sehe nun klarer. Meine Glaubenszweifel haben mich gestärkt und in mir eine neue Offenheit für Gottes Präsenz hervorgebracht. Ich beginne nun zu verstehen, was der Theologe so ausgedrückt hat: "...auch Gottes Verborgenheit, die wir als Nichtwahrnehmung Gottes erleben", ist letzten Endes nur "ein Modus der Gegenwart Gottes." (Ingolf U. Dalferth)

Ja, wir brauchen manchmal diese Differenzerfahrung, diese Erfahrung von Zweifel und Glaube, von Nähe und Distanz, um neu zu lernen, Gottes Gegenwart wahrzunehmen.

Manchmal

Manchmal denke ich:
Es geht nicht mehr,
keinen Schritt.
Wann stellst du mich
wieder auf die Füße, Gott?
Wann geschieht so ein Wunder?
Ich lese davon in der Bibel.
Aber es scheint so weit.

aus:
Ralf Meister (Hg.),
Fünf Minuten mit Gott,
Denkanstöße für jeden Tag.
S. 282

Sarah Bentlage